Kameradschaft als Fundament
Für mich ist Kameradschaft kein dekoratives Wort, das man einer Einsatzorganisation einfach zuschreibt. Sie ist die stille Architektur, die alles zusammenhält – noch bevor der erste Befehl gegeben, das erste Material bereitgestellt oder das erste Ausbildungsmodul absolviert wurde. Sie entsteht nicht durch Formalitäten, sondern durch Begegnungen. Durch das gemeinsame Erleben von Routinen und Ausnahmen. Durch das Wissen, dass der Mensch neben einem nicht nur kompetent, sondern auch aufmerksam, zugewandt und bereit ist, Verantwortung mitzutragen.
In einer Milizorganisation wie der SLRG hat Kameradschaft einen besonderen Stellenwert. Wir kommen aus unterschiedlichen Berufen, Altersgruppen und Lebenswelten. Wir teilen keine identische berufliche Identität, sondern eine gemeinsame innere Haltung. Gerade das macht unseren Zusammenhalt so stark. Wenn wir im Wasser stehen, die Bedingungen schwierig sind, Informationen noch fehlen, aber Entscheidungen getroffen werden müssen, zählt keine Hierarchie der Zivilberufe. Was zählt, ist Vertrauen – und dieses Vertrauen wächst über Jahre, nicht über Titel.
Es sind die scheinbar kleinen Momente, die diese Kameradschaft formen: der Blickkontakt vor dem Einstieg ins fliessende Wasser, das kurze Nicken eines Kollegen, das signalisiert: „Ich bin bei dir.” Die Bereitschaft, nach einem langen Arbeitstag trotzdem zum Training zu kommen, weil man weiss, dass das Team aufeinander angewiesen ist. Die Offenheit, Fehler zu teilen, statt sie zu verbergen, und die Fähigkeit, gemeinsam daraus zu lernen. Kameradschaft bedeutet nicht nur das Miteinander im Einsatz, sondern auch das Füreinander im Alltag.
Für mich bedeutet sie im Kern ein unausgesprochenes Versprechen. Ein Versprechen, das nicht laut ausgesprochen werden muss, weil es im Handeln sichtbar wird. Es lautet: „Ich verlasse mich auf dich – und du kannst dich auf mich verlassen.” Dieses Versprechen ermöglicht es, in stressgeladenen oder unklaren Situationen ruhig zu bleiben. Es lässt uns präzise arbeiten, auch wenn die Zeit knapp ist. Es sorgt dafür, dass wir uns nicht von Unsicherheit leiten lassen, sondern von einem klaren gemeinsamen Ziel: Menschen in Not zu helfen und uns dabei gegenseitig zu schützen.
Kameradschaft bedeutet auch, Grenzen wahrzunehmen – die eigenen und die der anderen. Sie bedeutet Rücksichtnahme und die Einsicht, dass ein Team nur dann stark ist, wenn niemand überlastet, übersehen oder zurückgelassen wird. In diesem Sinne ist sie weit mehr als eine Einsatzkultur. Sie ist ein Ausdruck von Respekt, Reife und Menschlichkeit.
Wenn ich an die SLRG denke, dann denke ich nicht zuerst an Ausrüstung, Fachkonzepte oder Einsatzpläne, so wichtig sie auch sind. Ich denke an Menschen, die Verantwortung füreinander übernehmen, an gemeinsame Erlebnisse, an Entwicklung und daran, Teil eines lebendigen Netzwerks zu sein, das auch in schwierigen Momenten trägt. Dieses Fundament aus Vertrauen und Verbundenheit ist für mich der wahre Kern der Wasserrettung – und der Grund, warum ich seit so vielen Jahren mit Überzeugung Teil dieser Gemeinschaft bin.